Dresden zum Gruseln

Die Entdeckung der Stadt hat soeben erst begonnen ...

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor. Anno 1555 erhält Jeronimus Ranisch ein Ratsprotokoll mit folgendem Inhalt: Es wird empfohlen, er solle unter Mithilfe der Verwandtschaft ein Behältnis für seine Frau anfertigen und sie darin ein Leben lang halten, damit diese keine Leute mehr bestehlen oder beschädigen könne.

Sie meinen, das wäre zum Gruseln?  Dann sollten Sie sich etwas Zeit nehmen, für das, was der Dresdner Autor und Experimentelle Archäologe Mario Sempf und seine Kollegen, der Zeichner, Mediengestalter und Popularmusiker, Alexander Stroh sowie Airbrush-Künstler und ausgewiesener Spezialist der Dresdner Scharfrichter-Dynastien, Thomas Zahn, im wahrsten Sinne des Wortes, ausgegraben haben.

Dresden, das vormals kleine Fischerdorf an der Elbe, spült noch heute so manches gruslige Geheimnis an ihre Ufer. Wer nur genau hinschaut oder besser noch, ganz Ohr ist, der kann sie hören, die Schreie der Gefolterten, der Geräd.., Aufgehä…, Enthaup…, Verbran…, usw.  Weil man glaubt, dass viele Unschuldige diese Qualen erleiden mussten, würde die eine oder andere Seele noch in Dresden umherziehen, um Erlösung zu erfahren.

Nun gibt es durchaus viele Möglichkeiten, sich dieser Geschichte anzunehmen. Der eine geht mit der Schaufel los und gräbt. Da es durchaus Sinn macht vorher zu wissen, wo man eigentlich graben darf und eine Vielzahl von Orten heute ihre Geschichte mit einem neuem Gewand umhüllen, folgen wir lieber dem Vorschlag der Experten „und ziehen das staubige Tuch des Vergessens von den alten Akten“, in dem wir uns die Zeit nehmen, die Bücher der Akteure in Text und Bild zu verinnerlichen.

 

Es wird empfohlen, dass Geschriebene und bildlich inszenierte, seinen Nachkommen nicht unter          12 Jahren kundzutun.

Der Autor

Mario Sempf erblickte am 30. März 1969 als Zweitgeborener eines Zwillingsbruderpaares

in Dresden das Licht der Welt – ziemlich überraschend für seine Eltern, wie sich gleich nach seiner Geburt herausstellte, denn die hatten eigentlich nur einen Jungen erwartet.

Aber genau dieses Unerwartete sollte für Mario Sempf fortan zur Lebensmaxime werden.

An der schimmernden Oberfläche zu kratzen, um zu sehen, was darunter Spannendes hervortritt, war schon immer seine Leidenschaft.

So verschlug es ihn bald nach der Wende in die dunklen Wälder Skandinaviens, wo er die Gegenwart von Trollen suchte und Erzählungen für Kinder schrieb. Später kam die Faszination für Geschichte hinzu. Diese wollte er für sich in Form von Experimenten hautnah erlebbar machen und stellte schnell fest, wohin er mit all seiner unbändigen Experimentierlust eigentlich gehörte: ins Lager der Experimentellen Archäologen.

Als solcher nun überrascht er seit 2011 mit allerlei verrückten Ideen. Ob als Germane mit Frame und Schild im Museum oder als Referent, wenn es mit Daumenschrauben oder Schandgeige um das Ergründen menschlicher Abgründe in Bezug auf das historische Strafrecht geht – Mario Sempf hat es sich zur Aufgabe gemacht, an jenen Stellen ganz genau hinzuschauen, wo andere am liebsten rasch vorbeigehen.

Der Zeichner - Band 3

Alexander Stroh, geb. 1982 in Paderborn

Zwischen Imbiss und 24-Stunden-Kiosk im Münsteraner Bahnhofsviertel öffnet sich ein Stahltor in einen unscheinbaren Innenhof. Einige Betonstufen führen zum Eingang einer ehemaligen Buchbinderei, deren Räume mittlerweile Standort einer Ateliergemeinschaft sind. Sobald sich die Tür schließt, ist es still. Pinsel, Stifte, Papier, Farbspritzer auf Tischen und an Wänden, ein alter Schaukelstuhl vertrauensvoll zusammengehalten durch Panzerband. Das ist der Ort, an dem Ruhe herrscht für die feinen Stimmen, die einem Geschichten erzählen und Bilder schenken.

Seit drei Jahren bringt Alexander Stroh dort genau diese zu Papier, obwohl er das eigentlich schon macht, seitdem er denken kann. Nur fehlte zuvor die Zeit für umfangreichere Projekte. Lange befasste er sich mit Studium, Ausbildung und Beruf. Heute sorgt er als Designer in einer Münsteraner Kommunikationsagentur für nutzerfreundliche, ansprechende Webseiten. Das Analoge fehlte ihm allerdings irgendwann – feines Papier, „echte“ Farben. Was dann mit seinem ersten Kinderbuch „Das kleine Mampf“ begann, ist nun eine bereichernde Nebentätigkeit, die Alexander Stroh in immer neue Welten führt. Zuletzt in das mittelalterliche Dresden und demnächst in ein märchenhaftes Dorf zu einem geheimnisvollen Riesen…

Der Illustrator - Band 1 und 2

Thomas Zahn wurde 1968 in Dresden geboren, wo er noch heute lebt. Schon früh trieb ihn die Neugier an, Wissen in den verschiedensten Bereichen zu erlangen und Erfahrungen zu sammeln. Die Malerei wurde dabei bereits als Jugendlicher ein wichtiges kreatives Betätigungsfeld. So eignete er sich über die Jahre verschiedene Maltechniken an, bis er schließlich nach der politischen Wende (wie viele seiner Künstlerkollegen inspiriert u. a. von HR Giger) mit Airbrush begann und darin seine bevorzugte künstlerische Ausdrucksform fand. Zahlreiche Großprojekte sind seitdem – auch in Zusammenarbeit mit Jens Schröter, „Shakal’s Corner“ – entstanden: der sogenannte „Friedenstruck“, das „Lange & Söhne“-Uhren-Pferd zur 800-Jahr-Feier der sächsischen Landeshauptstadt, verschiedenste großformatige Wandbilder usw.

Thomas Zahn war zudem 12 Jahre lang als Seminarleiter im Bereich Airbrush tätig und präsentiert seine Werke bis heute regelmäßig im Rahmen von Ausstellungen und Messen. Beim „Kreativ Award 2012“ errang er den 2. Platz.

Bereits seit jungen Jahren im Kampfsport aktiv, trat Thomas Zahn 2011 der historischen Schwertkampf-Gruppe „SaXenStreich“ bei und lernte dort Mario Sempf kennen, der u. a. als Autor und Experimenteller Archäologe tätig ist. Mit ihm verbindet ihn ein großes Interesse an Regionalgeschichte. Beide forschen derzeit gemeinsam zum Thema mittelalterliche Gerichtsbarkeit in Dresden und Umgebung. Thomas Zahn hat sich dabei auf den Bereich der Dresdner Scharfrichter-Dynastien spezialisiert.

Leseprobe:

Sturmhaube/ Wussten Sie ...

…dass höfische Diener, die man beim Klauen am Sächsischen Hofe erwischte, zur Strafe eine so genannte Sturmhaube (Schandmaske) tragen mussten? Dieser schwere Metallhelm hatte nur zwei Löcher für die Augen und ein kleines Löchlein für den Mund, damit der Bestrafte wenigstens Suppe schlürfen konnte. Mit dieser Sturmhaube mussten die Schuldigen auf dem Dresdner Schlosshofe auf und abgehen, bis man sie endlich von ihrer Last befreite. Andere bekannte Straf-Masken des Mittelalters sind die Schandmasken in Form von Schweineköpfen oder mit überlangen Ohren mit Schellen sowie heraushängenden Zungen. Diese Details sollten die Vergehen „schweinisches Benehmen, Lauscherei oder Geschwätzigkeit“ anzeigen. Wer also mal wieder „zur Sau gemacht“ wurde, weiß wenigstens jetzt, wo die Ursprünge zu suchen sind! Diese Geschichte zeigt deutlich, dass man in früheren Zeiten weniger nach dem „Warum“ fragte, sondern gleich auf Abschreckung setzte.

      Übrigens ...

  • 1444 wurde ein Franziskaner (Bettelmönch) in weltlichen Kleidern (also in Zivil) gehängt und seine Beischläferin in der Elbe ertränkt.
  • 1553, am Montag nach Nikolai, wurde eine Tonne mit Heringen dem Scharfrichter überantwortet, der sie selbigen Tages auf dem Markte öffentlich an den Pranger gestellet, hernach auf die Brücke geführet und in die Elbe geworfen hatte. Eine Dresdner Bürgerin hatte die Heringe einem Berliner Handelsmann abgekauft, befand sie aber nicht für gut und beschimpfte den Verkäufer zu Recht!
  • 1619 erlässt der Dresdner Rat eine neue Trinkstuben- und Kellerordnung: Das Ziehen von Dolchen und Brotmessern sollte mit Abhauen der waffenführenden Hand bestraft werden, auch sollten die Gäste nicht viehisch schreien und jauchzen oder das liebe Getränk vorsätzlich verschütten!(Eigentlich gilt das Gesetz immer noch!)

Flaniermeile Friedhof 

… dass die Menschen, die heute über den Neumarkt an der Frauenkirche flanieren, einen uralten Friedhof mit Füßen treten? Bei Ausgrabungen stieß man auf über 500 einfache Begräbnisstellen, denn jahrhundertelang diente der Vorplatz der Frauenkirche als Friedhof. Auch slawische Begräbnisstellen aus dem      10. Jahrhundert wurden hier entdeckt. Die erste Frauenkirche stand im 15. Jahrhundert noch vor der Festungsmauer. Erst die Hussiteneinfälle bewirkten, dass sie mit in die Stadt einbezogen wurde. Inzwischen ist aus dem Friedhof mit obligatorischen oberirdischen Grabsteinen allerdings eine Flaniermeile mit zahlreichen Cafés und Geschäften geworden! So hat eben jeder seine Leichen im Keller. Guten Appetit beim nächsten Schälchen Heeßen – einer Tasse Kaffe!